Bälle und Bilder festhalten

20160902_humanas_charity-kalender-glinkerJan Glinker ist beim 1. FC Magdeburg der Mann für die ganz scharfen Schüsse. Egal, ob es sich dabei um Tor- oder Schnappschüsse handelt. Hauptberuflich pariert der Keeper die Bälle im FCM-Kasten, privat hält er ausgefallene Objekte mit der Kamera fest. Von Rudi Bartlitz Da sind Brücken, immer wieder Brücken. Bilder, aufgenommen aus nur allen erdenklichen Winkeln und Perspektiven: von unten, von oben, von der Seite, bei Tag, bei Nacht. Im Dämmerlicht und mit den unterschiedlichsten Farbfiltern. Herausgekommen sind ebenso beeindruckende wie oft verblüffende Sichten auf meist Magdeburger Bauwerke. Das ist die (Foto-)Welt des Jan Glinker. Sie offenbart eine Seite im Leben der Nummer eins im Tor des Fußball-Drittligisten 1. FC Magdeburg, die wahrscheinlich die wenigsten bisher kannten. Korrekter: Es ist ein Teil seiner Foto-Welt. Der andere, vielleicht noch prägendere, sind die sogenannten lost places, verlassene Orte, in die sich Glinker mit seiner Kamera begibt. Deren morbide Schönheit er dann in klarer Bildsprache offenlegt.

„Ja“, gesteht der Keeper im Gespräch mit Magdeburg Kompakt, „diese verlassenen Orte haben es mir angetan. Ich habe ein Faible für sie. Das war schon lange so, bevor ich überhaupt zur Fotografie gestoßen bin. Ich finde es interessant und cool herauszufinden, wie es früher an solchen Plätzen aussah und was heute aus ihnen geworden ist. Das versuche ich festzuhalten.“ Das gilt für Brücken, moderne wie außer Dienst gestellte, ebenso wie für heruntergekommene Schwimmbäder, verfallene Sanatorien oder vergessene Herrenhäuser. Glinker hat sich auf deren Spuren begeben. Spätestens jetzt sollte man jedoch fragen, wie ein Fußball-Vollprofi, und das ist der 32-jährige Berliner seit mehr als ein Dutzend Jahren, überhaupt auf ein derartiges Hobby kommt. „Das war, wie so vieles im Leben, reiner Zufall“, erzählt er. „Meine Frau hatte mir eine Kamera geschenkt, damit ich von unserer heute vierjährigen Tochter (inzwischen sind noch eineinhalbjährige Zwillings-Jungen hinzugekommen, Anm. d. Red.) Bilder fürs Album mache. Bis dato hatte ich nichts mit Fotografie am Hut. Doch dann habe ich Blut geleckt …

Ob Ehefrau Melanie, die er im Sommer 2016 geheiratet hat, ihr Geschenk von einst inzwischen bereut, ist nicht überliefert. Dafür aber, dass ihr Jan seither, wann immer sich die Möglichkeit bietet, auf Motivsuche geht. „Mit einer neuen Ausrüstung allerdings“, wie er zugibt. Und wie bekommt man als anfänglicher Laie den Blick für ein gutes Foto? „Ich hatte keinerlei Ausbildung, bin sozusagen Autodidakt. Einzige Ausnahme: Ich habe mir auf Youtube einige Sachen angesehen. Ansonsten gibt es nur ein Motto: gucken, gucken, gucken, und immer wieder ausprobieren.“

Es ist schon erstaunlich, zu welcher Meisterschaft es der Keeper in den nur knapp zwei Jahren, seit er seinem Hobby nachgeht, gebracht hat. Mit welch zum Teil ausgefallenen Sichten er den Betrachter überrascht. Jetzt liegt sogar ein erster Kalender mit ausschließlich Glinkerschen Magdeburger Motiven vor (siehe Randtext). Doch die Fotografie, sagt er, soll seinen Hauptberuf, nämlich das FCM-Tor möglichst sauber zu halten, keineswegs verdrängen. „Es hilft mir, mich abzulenken, den Kopf einmal vom Fußball frei zu bekommen. Da ich zwischen Magdeburg und meiner Familie in Berlin-Ahrensfelde, wo ich mir ein Haus gebaut habe, pendele, bleibt mir in an Tagen, an denen ich nicht nach Hause fahre, genügend Zeit und Ruhe zum Fotografieren. Dann ziehe ich abends oft mit der Kamera los …“

Der doppelte Jan Glinker. In der dritten Liga ist der Keeper (rechts; Foto: Gercke) sicherer Rückhalt beim FCM, mit seinem Hobby, der Fotografie, trat er jetzt erstmals in die Öffentlichkeit. Gemeinsam mit Sponsor Humanas (kleines Foto, links Humanas-Geschäftsführer Jörg Biastoch) veröffentlicht er einen Jahreskalender.

Der doppelte Jan Glinker. In der dritten Liga ist der Keeper (rechts; Foto: Gercke) sicherer Rückhalt beim FCM, mit seinem Hobby, der Fotografie, trat er jetzt erstmals in die Öffentlichkeit. Gemeinsam mit Sponsor Humanas (kleines Foto, links Humanas-Geschäftsführer Jörg Biastoch) veröffentlicht er einen Jahreskalender.

Noch bevorzugt er statische, vorwiegend unbewegliche Objekte. „Das war für mich als Neuling am Anfang sicher einfacher, doch ich bin inzwischen offen für jedes Motiv, für Natur und Landschaften.“ Hohen Respekt hat Glinker immer noch davor, Menschen abzubilden. „Das ist sehr schwer“, räumt er ein. „Dafür brauchst du schon eine Menge Erfahrung. Die fehlt mir noch.“ Deshalb lehnt er es meist auch freundlich ab, wenn ihn Bekannte bitten, doch mal ihre Hochzeit oder eine andere Feierlichkeit abzulichten: „Ich sage denen immer, nehmt euch einen Profi, ich will nicht schuld sein, wenn euch die Bilder am Ende nicht gefallen.“ Bemerkenswert ebenso: Ausgerechnet zur Sportfotografie zeigt der Profi-Sportler wenig Affinität: „Ich hab‘s ein paar Mal im Trainingslager probiert, aber ganz ehrlich, das ist für mich nicht besonders interessant.“

Interessant ist hingegen schon, wie es mit dem Torwart Glinker an der Elbe weitergeht. „Ich habe noch einen Vertrag beim FCM bis 2018. Den möchte ich nicht nur erfüllen, sondern könnte mir, Stand heute, vorstellen, auch länger zu bleiben. Ich fühle mich sehr wohl hier, hier passt einfach alles. Ich bin froh, dass ich mich, als mein Vertrag beim Zweitligisten Union Berlin 2014 nicht verlängert wurde, für den FCM entschieden habe.“

Selbst wenn das seinerzeit bedeutete, den Publikums-Liebling und Ur-Magdeburger Matthias Tischer im Tor zu verdrängen. Auf ein paar Ressentiments habe er sich als Neuling zwar eingestellt, erzählt er heute. „Aber was dann kam, diese Verehrung für Tischer, das hat mich doch ins Grübeln gebracht. O lala, damit hatte ich so nicht gerechnet. Für mich gab es nur einen Weg: durch Leistung überzeugen.“ Und das ist dem zunächst beargwöhnten Neuen, da sind sich die Fans inzwischen längst einig, voll und ganz gelungen. Trainer Jens Härtel lobt: „Jan gibt dem Team Ruhe und Sicherheit. Was annähernd haltbar ist, das hält er. Seine Stärke ist, dass er Nackenschläge wegsteckt und sofort auf Topleistung umschaltet. Das können nicht viele.“ Die Ironie der Geschichte wollte es später sogar, dass Tischer nach Beendigung seiner Laufbahn dem Ex-Berliner als Torwarttrainer in gewisser Weise wieder vor die Nase gesetzt wurde. Glinker: „Keine Angst, das klappt super. Die einstige Konkurrenzsituation ist völlig aus dem Kopf raus.“

Nicht aus dem Kopf raus sind bei dem Spross einer Berliner Sportfamilie (Vater Matthias war ebenso wie Bruder Sven Volleyball-Nationalspieler, Mutter Petra Sprinterin bei Dynamo Berlin) jedoch Überlegungen zur weiteren Karriere: „Ich denke, als Torwart kann man noch im Alter von 36 bis 38 Jahren seine Leistungen auf Top-Niveau bringen. Das will ich versuchen. Ob das dann noch in Magdeburg möglich ist, hängt sicher von vielen heute noch nicht zu nennenden Faktoren ab.“ Zu einem anderen größeren Klub jedenfalls will Glinker nicht mehr wechseln. Sein bescheidener Traum: „Ganz zum Schluss in einem kleinen Berliner Verein das Ganze ausklingen lassen“, strahlt er. „Das wär‘s doch.“

Ob dann die Fotografie immer noch nur eine Passion oder möglicherweise die Basis für eine – wie auch immer geartete – berufliche Zukunft ist, darüber macht sich Glinker heute noch wenig Gedanken: „Ich denke, das wird sicher sehr schwer. Aber wenn sich tatsächlich eine Möglichkeit ergeben sollte, bin ich offen dafür.“ Doch wie auch immer, für ein stimmiges Bild seiner künftigen Berliner Thekenmannschaft sollte es allemal reichen. Aus welcher Perspektive auch immer…


20160902_humanas_charity-kalender-glinkerKompakt Fotografien für Fußballträume 2017“ nennt sich der erste Jahres-Wandkalender, den FCM-Torhüter Jan Glinker jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Er entstand als Charity-Projekt zusammen mit der Humanas GmbH, dem Lions-Club Ohrekreis und dem FCM. Der Erlös des Kalenders mit dem symbolischen Preis von 19,74 Euro, der zwölf nächtliche Motive von Bauwerken der Landeshauptstadt zeigt, kommt der Unterstützung von regionalen Kinder- und Jugendprojekten und Sportinitiativen für Menschen mit Handicap sowie der Förderung des Nachwuchses des FCM zugute. Lediglich die Produktionskosten des Kalenders werden durch den Verkauf refinanziert, alle weiteren Erlöse weitergereicht. Die ersten 100 Exemplare wurden bereits abgesetzt, für weitere 200 liegen Vorbestellungen vor. Bestellt werden kann der Kalender auf: www.humanas.de/shop.