Literatur und Zeitschrift

1919 Wir aberZu Beginn des 20. Jahrhunderts, während der Zeiten zwischen Gärung und Aufruhr, Aussichtslosigkeit und Euphorie erscheint eine Vielzahl verschiedener und zumeist kurzlebiger Zeitschriften, die vor allem als Sprachrohr und öffentlicher Protest der zahlreich entstandenen lokalen Dichtergruppierungen dienen. Protestiert wird gegen den Spießbürger mitsamt seinen ausgehöhlten Bildungsidealen und gegen die Geringschätzung des Menschen und seiner Würde.

Gerade nach dem Ersten Weltkrieg verspüren viele Menschen, wie etwa auch Künstler und Schriftsteller, Hoffnungslosigkeit und Resignation, aber auch den starken Willen etwas zu bewegen – unter einer neuen Sinngebung, die von Humanität und Brüderlichkeit getragen wird. Das neu empfundene Lebensgefühl im Zeichen des Expressionismus bricht sich hauptsächlich in Form von Programmen, hitzigen Pamphleten und leidenschaftlichen Aufrufen Bahn.
1920 Die KugelIn diese Zeit fällt die Gründung der KUGEL, dem vorangegangenen Inserat im Januar 1919 zufolge, eine „Vereinigung für Kunst und Literatur, unter besonderer Berücksichtigung der neuzeitigen Bestrebungen“ . Publikationsorgan der spätexpressionistischen Magdeburger Künstlergemeinschaft, deren Mitglieder auch ehemalige Schüler der Kunstgewerbeschule sind, ist die gleichnamige Zeitschrift für neue Kunst und Dichtung zu Magdeburg, die im Mai desselben Jahres erstmals erscheint. Gefordert wird dort nicht weniger als eine neue Kunst – „eine Kunst, die herausgeboren aus dem Martyrium unserer Zeit“  es vermag, als „das gewaltigste Mittel, die noch durch Grenzpfähle getrennten Völker einander nahe zu bringen, um so dem größten Zukunftsgedanken, dem einer geeinten Menschheit, den Weg zu bereiten“ . Der Vereinigung, die von der Berliner Novembergruppe beeinflusst ist, gehören Grafiker, Maler, Bildhauer, Musiker und Dichter an, wie Bruno Beye, Franz Jan Bartels, Robert Seitz, Rudolf Wewerka und Erich Weinert. Dem entsprechen Inhalt und Gestaltung der Zeitschrift, die sich auch am Vorbild der oppositionellen Berliner Literatur- und Kunstzeitschrift „Die Aktion“ orientiert.  Neben programmatischen Beiträgen, Gedichten und Essays finden sich Holzschnitte verschiedener Künstler. Zunächst monatlich oder doch zumindest regelmäßig angedacht, erscheint nur noch eine zweite Ausgabe der KUGEL im Januar/Februar 1920, obgleich der Künstler- und Arbeitsgemeinschaft zu diesem Zeitpunkt die Edition weiterer Zeitschriften „in zwangloser Folge“  vorstellbar scheint.
1932 AsphaltfregatteNoch gegen Ende des Jahres 1919 erscheint hingegen Heft 1 der Monatskampfschrift Nichtorganisierter Freier Magdeburger Künstler – WIR ABER. Der Zeitschriftentitel ist programmatisch zu verstehen, auch angesichts der Tatsache, dass sich die Mitglieder der gleichnamigen Gruppierung sämtlich aus dem Kreis der KUGEL speisen, WIR ABER jedoch konsequenter und drastischer in ihrer (expressionistischen) Darbietung wirken. Die Beiträge im Heft beginnen ähnlich pathosschwer wie jene in der KUGEL. Auch hier überwiegt die  lyrische Darstellungsform, die jedoch mitunter experimenteller ist. Neben expressionistischer Prosa, Holzschnitten, Noten für ein Klavierstück und themenspezifischen Essays sind die Texte zum Teil offenkundig politisch. Insgesamt betrachtet, ist die Kritik an den Verhältnissen und gegenüber dem Spießbürgertum lauter und ätzender. Der von Gerhard Kahlo einleitend formulierte Anspruch der Künstlergruppierung „Wir aber wollen keine Erdenklöße sein…“ spannt den Bogen bis zum letzten Beitrag, der ebenfalls von ihm stammt und als kritische Besprechung einer Ausstellung des Kunstvereins „Börde“ beginnt und schließlich unverhohlen zum Verriss gerät. Mit der Kampfschrift, die auch von Kahlo herausgegeben wird, verdeutlichen die Künstler von WIR ABER noch kategorischer ihr Selbstverständnis, mit der Absicht die Magdeburger aufzurütteln. Dieses Vorhaben ist allerdings gescheitert. Ein monatliches Erscheinen war zwar geplant, aber „die völlige Interesselosigkeit des Magdeburger Publikums ließ das Blättchen nach dem ersten Erscheinen sterben…“ .
Im Gegensatz zu diesen Zeitschriften, die neben Lesungen, Vorträgen und Ausstellungen in erster Linie als Plattform der jeweils dahinter stehenden Künstlervereinigungen angedacht waren, um öffentliche Wirksamkeit zu erzielen, steht die satirisch angelegte Wochenschrift DIE ASPHALTFREGATTE. Sie beinhaltet ebenfalls Literatur und graphische Kunst, aber lediglich untergeordnet bzw. anderen Rubriken („Politik“, „Örtliche Nachrichten“) beigeordnet. Die Holzschnitte in den vorliegenden Heften des Jahres 1932 (Heft 37, 38/Sept.; 50-51/Dez.), die ausschließlich vom Mitarbeiter W. Lohmeyer sind, dienen mehr als schmückendes Beiwerk und auch die literarischen Texte werden je nach gewünschtem Effekt vom Herausgeber der Hefte Oskar Tribius unterschiedlich eingesetzt bzw. verwertet: So wird dem Profil der ASPHALTFREGATTE entsprechend in erster Linie ironisch-sarkastische Lyrik abgedruckt, wie Teile des „Mäuseklees“ vom einstigen Mitglied der KUGEL Hermann Benühr. Literarisches, wie Ausschnitte aus den Schriften von R. Huelsenbeck, W. Whitman oder J. Ringelnatz, scheint auch in der Rubrik „Stilvergleiche“ auf, wird aber hauptsächlich gebraucht, um die jeweilige Darbietungsform oder den Inhalt zu verhöhnen. Spott und zum Teil Verachtung wird auch in den Rubriken „Anekdoten/Aphorismen/Briefkasten“ laut bzw. sofern sich die „Stimme der Redaktion“ zu Wort meldet, deren Mitarbeiter nach eigenem Ermessen zu „rechtsradikalen Ideen hinneigen“. Neben der Haltung, Kunst als bloße Dekoration und unterhaltsames Beiwerk aufzufassen, stellt die politische Einstellung schließlich einen weiteren wesentlichen Unterschied zu den spätexpressionistischen Künstlerzeitschriften dar.
Auf diese und weitere Zeitschriften, wie DER START, PHÖNIX, ORT DER AUGEN und das JOURNAL DER SCHREIBKRÄFTE, werden die Mitarbeiter des Literaturhauses Magdeburg am 18.03.2016 (16.00-16.30 Uhr) auf der Buchmesse am Stand der Stadt Magdeburg (Halle 5 / E 500) eingehen.
Dr. Claudia Behne-Kilz